Nach dem verregneten Sommer 2004 mag man es kaum glauben, aber in einem Großteil der Welt ist Wasser ein seltenes und kostbares Gut. In eine solche Gegend führt uns das Spiel Santiago. Trocken und braun ist dort die Erde, trocken und braun ist auch der Spielplan, für den dem man sich, trotz des Themas, eine etwas einladendere Gestaltung gewünscht hätte. Aber gut, lange ist die öde Landschaft eh nicht zu sehen, denn schon bald werden bunte Plantagen, bepflanzt mit Bananen, Zuckerrohr, Kartoffeln, Bohnen und Paprika, den Spielplan bedecken. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass die Plantagen bewässert werden. Ist dies nicht der Fall, verdorren die Pflanzen, und wieder erblickt unser Auge nur trockene, steinige Wüste.
Santiago
Der Spielplan bietet Platz für 48 Plantagen. Jeweils um ein Quadrat aus 2x2Feldern sind Kanäle angelegt. Noch sind sie trocken, aber aus einer Quelle, die auf einen beliebigen Schnittpunkt gestellt wird, wird schon bald das begehrte Nass fließen und die Kanäle füllen. Aufgabe der Spieler ist es nun, den Lauf des Wassers so zu beeinflussen, dass es an den eigenen Plantagen vorbei fließt.
Hierfür erhält ein jeder Spieler 10 Escudos. Das ist nicht viel, wie sich im weiteren Spielverlauf herausstellen wird. Zunächst einmal müssen mit diesem mageren Startkapital Plantagen ersteigert werden. Abhängig von der Spielerzahl liegen zu Beginn jeder Runde einige Plantagenplättchen offen aus. Sie zeigen neben der angebauten Pflanzenart auch die Ertragsfähigkeit der Plantage. Der Wert schwankt dabei zwischen 1 und 2. Nach Begutachtung des aktuellen Angebotes legt der Startspieler ein beliebiges Gebot aus. Die nachfolgenden Spieler verfahren ebenso. Sie dürfen allerdings keinen Betrag wählen, den schon ein anderer Spieler geboten hat. Logisch, dass der Spieler mit dem höchsten Escudogebot als erster eine Plantage auswählen darf und auf dem Spielplan auslegt. Auf das Plantagenplättchen kommen entsprechend des Ertragswertes ein oder zwei Ertragssteine der eigenen Farbe. So verfahren alle Spieler. All diejenigen, die kein Gebot abgegeben haben (es ist erlaubt, dass dies mehrere tun), erhalten trotzdem eine Plantage, allerdings mit einem Ertragsstein weniger als angegeben. Hatte die Plantage nur einen Wert von 1, bleibt die Plantage neutral und gehört keinem Spieler.
Wieviel eine Plantage bei Spielende wert ist, hängt von der Größe der zusammenhängenden Fläche mit gleicher Bepflanzung (unabhängig davon, wem diese Plantagen gehören) und der Anzahl der eigenen Ertragssteine auf dieser Fläche ab. Nehmen wir mal an, bei Spielende sind sieben waagrecht und senkrecht verbundene Plantagen mit Paprika bepflanzt und man selbst besitzt hier 4 Ertragssteine, so erhält man bei Spielende 28 Escudos (4 x 7 = 28). Ziel muß es also sein, auf großen Flächen viele Ertragssteine zu besitzen und dies beim Gegner zu verhindern.
Geld benötigt man auch noch in der zweiten Phase des Spieles, der Festlegung, in welche Richtung der Kanal weitergebaut wird. Diesen Job verrichtet der Kanalarbeiter, das ist immer derjenige Spieler, der in der aktuellen Versteigerungsrunde das niedrigste Gebot abgegeben oder als erster gepaßt hat. Im Prinzip ist der Kanalarbeiter völlig frei, wie er den Kanal weiterführt. Aber tatenlos zusehen, wie dieser das Wasser an eigenen Plantagen vorbeifließen läßt, müssen die anderen Spieler nicht. Sie greifen zu einem erprobten Mittel der Einflußnahme: der Bestechung. Also unterstützt man die eigenen Vorstellungen zum Ausbau des Kanals durch einen großzügig bemessenen Escudobetrag. Die Mitspieler können diesen Vorschlag mit weiteren Geldgaben unterstützen oder einen eigenen Vorschlag unterbreiten. Entscheidet sich der Kanalarbeiter für einen dieser Vorschläge, kassiert er das Bestechungsgeld und baut den Kanal entsprechend aus. Geht er auf keines der Angebote ein und läßt das Wasser in eine völlig andere Richtung fließen, muß er der Bank einen Geldbetrag zahlen, der um einen Escudo höher ist als das höchste Bestechungsgebot.
Nimmt der Kanal nun einen Lauf, der den eigenen Interessen völlig zuwider läuft, hat man einmal im Spiel die Möglichkeit einen Zusatzkanal zu bauen. Wann dies allerdings geschehen sollte ist schwierig einzuschätzen. Zu früh eingesetzt, besteht die Gefahr, dass später wesentlich dringlichere Situationen entstehen, hält man mit dem Einsatz des Zusatzkanals dagegen zu lange zurück, verwüstet eventuell eine eigene Plantage, die, wie sich später herausstellt, in der größten zusammenhängenden Landfläche liegt.
Der Job des Kanalarbeiters ist natürlich sehr gefragt. Zwar erhält man in dieser Runde bei der Versteigerung die schlechteste Plantage, aber neben den mageren 3 Escudos, die jeder Spieler am Ende einer Runde von der Bank erhält, ist dies die einzige Möglichkeit zu Geld zu kommen und sich finanziell für kommende Runden zu rüsten.
Am Ende der Runde wird von allen Plantagen ohne Bewässerung ein Ertragsstein entfernt. Trockene Plantagen ohne Ertragsstein werden wieder zu Wüste.
Nach dem Bau der letzten Plantage, das ist nach 9 oder 11 Runden der Fall, endet das Spiel. Jede einzelne Landfläche wird nun abgerechnet und in Escudos ausgezahlt. Der reichste Spieler darf sich fortan als erfolgreichster Plantagenbetreiber feiern lassen.
Fazit:
Wie bei allen Spielen, bei denen Geldmangel herrscht, ist man bei Santiago immer im Zweifel, wie man das knappe Gut optimal einsetzt. Schon die Versteigerungsrunde macht es einem nicht einfach. Da jeder Spieler nur einmal einen Betrag nennen darf, ist der Startspieler einer Runde in der prekären Situation, einen kaum zu toppenden Betrag zu nennen, der die begehrteste Plantage sichert. Wird man trotzdem überboten, hat man viel Geld für eine weniger attraktive und kaum punktebringende Plantage verschleudert. Sehr hilfreich für die Versteigerungen ist es deshalb, wenn man einigermaßen den Überblick behält, wieviel Geld die Gegner besitzen.
Aber vielleicht bietet man von vorne herein nur einen Escudo oder paßt, um sich den Job des Kanalarbeiters zu sichern. Dieser Job ist nicht nur wegen der finanziellen Einnahmen sehr reizvoll, hier kann man, wenn man will, sehr destruktiv spielen und führende Spieler gezielt ausbremsen. Das kann für die Mitspieler sehr frustrierend sein, aber wer mit solch einer Spielweise leben kann, macht mit der Anschaffung von Santiago sicher nichts falsch. Mal von der langwierigen Endabrechnung abgesehen, steigert sich die Spannung bis zum Schluß stetig und man ist immer hin und hergerissen zwischen eigenen Interessen und der Zerstörung der Ziele der Konkurrenten.
Ein tolles Spiel also, das leider im hervorragenden Spielejahrgang 2003/2004 etwas unterzugehen droht. Das wäre schade und absolut unverdient!
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Gesellschaftsspiel von Claudia Hely & Roman Pelek , Amigo, ca. EUR 21,- 3-5 Pers., ab 10 J., ca. 60 Min.
Auszeichnungen:
Gamers Choice Awards: Multiplayer Nominees 2004

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