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Spielwarenmesse Nürnberg 2004



Internationale Spielwarenmesse Nürnberg 2004

Schlechtes Wetter gehört zur Spielwarenmesse, wie Thomas Gottschalk zu Wetten dass. Seit ich nach Nürnberg komme, und das sind immerhin schon 9 Jahre, war, wenn ich mich recht entsinne, ein einziges Mal akzeptables, angenehmes Wetter. Ansonsten immer Regen, Schnee, Kälte, Nebel. Und in diesem Jahr zur Abwechslung mal Sturm, und zwar ein recht heftiger. Na ja, was kann man vom ersten Februarwochenende auch anderes erwarten. Aber schließlich bin ich auch nicht nach Nürnberg gekommen, um bei strahlendem Sonnenschein das schmucke Städtchen zu besichtigen, die Neuheiten der Branche sind Ziel meines Trachtens. Nach den heftigen Umsatzrückgängen im Segment Erwachsenenspiele, war ich darauf gefaßt, sehr viel weniger Neuheiten als in den vergangenen Jahren präsentiert zu bekommen. Dem war aber überraschenderweise nicht so. Nur die anspruchsvollen Spiele für Freaks suchte man fast vergebens. Im Familienbereich gab es die durchschnittliche Menge an Spielen. Einen wahren Boom erlebt das Kinderspiel, in dem fast alle Verlage ihr Sortiment ungewöhnlich stark erweiterten. Kein Wunder. Dies war auch der Bereich, der im vergangenen Jahr ordentliche Umsatzzuwächse garantierte. Und auch Kommunikationsspiele a la Life Style aus den frühen Neunzigern erleben ein überraschendes Comeback.

Beim Branchenprimus Ravensburger setzt man voll auf diesen Trend. In der Beleduc-Reihe gibt es eine ganze Menge neuer, schön ausgestatteter Kinderspiele aus Holz. Im Format von Superbestseller Lotti Karotti ist mit Zappelfische ein weiteres Spiel erschienen. Es handelt sich um ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem man versucht, verschiedenfarbige Fische an einer Angel und aneinander aufzuhängen, ohne dass die gesamte Konstruktion zusammenbricht.
Husch husch, kleine Hexe, ein Klassiker von Heinz Meister, erscheint mit wunderschön gestaltetem Spielplan neu.
Auf den Spuren des Marco Polo von Reiner Knizia ist ein einfaches Laufspiel, bei dem es darum geht, mittels geschickt gesammelter Karten auf zwei Reiseetappen möglichst weit vorwärts zu kommen und dabei viele Waren einzusammeln.
Bei Make´n Break bauen die Spieler unter Zeitdruck die auf Karten vorgegeben Bauklotzkonstruktionen nach. Gar nicht so einfach, wie ich gemerkt habe. Kurz bevor ich endlich meine erste Punktekarte hätte ablegen könne, stürzte das gesamte Gebilde wieder ein.
Stadtgespräch ist ein Kommunikationsspiel, bei dem es darum geht, einzuschätzen, was wohl die anderen Spieler auf so bedeutungsvolle Fragen wie "Wieviel Prozent der Deutschen wechseln täglich ihre Unterhosen?" antworten.
Gambler erscheint in einer thematisch und graphisch überarbeitete Ausgabe neu und heißt jetzt Engel und Bengel.
10 out of Ten ist eine Mischung aus Ratespiel und Mastermind. Auf 10 Fragen muß man aus vorgegebenen Antworten eine wählen und erhält danach lediglich die Information, wieviele davon richtig sind. Bei welchen man nun die Antwort ändert und bei welchen nicht, macht wohl den Spielreiz aus.
YE$ steht für Yen, Euro und Dollar und ist ein Wirtschaftspiel mit Würfelelementen. Sowohl Graphik als auch Mechanismen erinnern an die späten 70er. Da das Spiel aber, ebenso wie 10 out of Ten erst im Herbst erscheint, kann und wird sich daran sicher noch etwas ändern.

Unter dem Label alea erscheinen 2 neue Spiele. San Juan wandelt auf den Spuren von Erfolgsspiel Puerto Rico, an dessen Mechanismen sich dieses Kartenspiel von Andreas Seyfahrt sehr eng anlehnt.
Bei Fifth Avenue versuchen die Spieler mittels eines originellen Versteigerungsmechanismus die besten Bauplätze zu ergattern. Das Spiel stammt von Wilko Manz, der vor 5 Jahren mit Giganten einen gelungenen Einstand in die Spieleszene gab.

Bei Days of Wonder gibt es ein neues Eisenbahnspiel von Alan R. Moon, das vom Aussehen sehr an Union Pacific erinnert, wohl aber nicht identisch mit diesem ist. Vielmehr geht es darum mit Karten eigene Eisenbahnlinien auf dem Plan zu errichten, um punkteträchtige Aufgabenkarten zu erfüllen. Da ich Eisenbahnspiele sehr mag, bin ich auf Zug um Zug sehr gespannt.

Bei Goldsieber gibt es eine ganze Menge an neuen Spielen in der Minibox. So ein Käse, Bis bald im Wald und Immer obenauf richten sich an die Zielgruppe Kinder. Bunte Vögel ist ein Kartenspiel mit lustiger Graphik und bei Iglu Iglu, dem einzigen Spiel in einer großformatigen Schachtel, muß man möglichst viel Beute ergattern und die eigenen Inuit auf Inseln isolieren.

Schmidt-Spiele präsentiert im Kinderbereich eine Reihe netter kleiner Spieler mit dem kleinen König (meiner Lieblingsreihe beim Sandmännchen). Mein Favorit ist hier eindeutig Badetag, bei dem das Kind gewinnt, das bei Spielende den schmutzigsten kleinen König besitzt.
Bei Tongiaki von Autorenneuling Thomas Rauscher sticht man mit seinen Booten hinaus in die heiße Südsee um auf möglichst vielen Inseln vertreten zu sein. Dazu deckt man Plättchen auf und legt sie nach einem vorgegebenen Muster an der Startinsel an.
Oase von Moon/Weissblum klingt ein ganz klein bißchen wie New England. Es geht darum, möglichst große Flächen in drei Landschaftsarten zu bilden und eine zusammenhängende Karawane auf die Beine zu stellen. Clou der Geschichte ist, dass man mittels Karten festlegt, welche Aktionen die anderen Spieler machen können. Je attraktiver das Angebot, umso früher werden die eigenen Karten gewählt und man ist selbst mit Auswählen an der Reihe. Der letzte muß natürlich nehmen, was übrig bleibt.





Die Fahne der anspruchsvollen Erwachsenespiele hält wacker der Hans-im-Glück-Verlag hoch.

Goa von Rüdiger Dorn ist was für Grübler. Nach einer Versteigerungsrunde, bei der man Plantagen oder Aktionskarten erhält, hat jeder Spieler 3 Aktionen zur Verfügung. Dabei gilt es ein Tableau so zu entwickeln, dass man möglichst viele Punkte erhält. Dazu benötigt man jedoch bestimmte Ressourcen und so ist eine umfangreiche Planung der eigenen Vorgehensweise notwendig. Ein eher stilles Spiel, das jedoch ganz sicher seine Freunde finden wird.
Ganz anders geht es bei St. Petersburg von Michael Tummelhofer zu. Nach der Erklärung der Spielregel erwartete ich auch hier ein eher ruhiges Grübelspiel, aber ich konnte eine Partie kurz beobachten und stellte fest, dass es hier hoch herging. In 4 verschiedenen Phasen kann man Karten mit Gebäude, Personen, Berufe kaufen ,die Runde für Runde entweder Geld oder Punkte bringen. Die richtige Kombination zu finden macht hier die Schwierigkeit aus, denn das Geld ist sehr, sehr knapp, bringt aber am Ende keine Punkte. Wie man von das von Hans im Glück gewohnt ist, wurde an dem Spiel offensichtlich lange gefeilt, um es zu einer richtig runden Sache zu machen.

Auch bei Amigo setzt man überwiegend auf Kinder und Familie. Kein neues großes Brettspiel, sieht man mal von Santiago und Yellowstone Park ab. Aber die erschienen ja bereits in Essen.
Knastbrüder von Jürgen Heel ist ein einfaches Würfelspiel, bei dem man versucht einen geheim zugelosten Gefangenen zu befreien. Der Würfel gibt an, wieviele Eisenstangen man von seinen schwedischen Gardinen wegnehmen und umlegen darf. Wer zu offensichtlich spielt, hat natürlich kaum Chancen auf den Sieg.
Interessant erscheint mir Saboteur (Autor: Frederic Moyersoen), ein Kartenspiel, bei dem einer gegen den Rest spielt. Leider weiß man jedoch zu Beginn nicht, wer der Saboteur ist, der versucht zu verhindern, daß die anderen Zwerge ein Wegesystem zu den Goldschätzen aufbauen.
Haben Sie gerade Blähungen? Tragen Sie Intimschmuck? Essen Sie ab und an Ihre eigenen Popel? Das sind Fragen, die Reinhard Staupe in Privacy beantwortet haben will. Geheim und absolut anonym, wie man beim Verlag betont, wirft man seine Antworten in ein schwarzes Säckchen. Die Frage, die alle bewegt, ist, wieviele der Spieler mit JA geantwortet haben. Für die richtige Einschätzung gibt es Punkte.
Außerdem erscheinen bei Amigo eine ganze Reihe Kinderspiele, entweder in der gelben Kartenspielreihe oder als Mitbringspiel.

Abacusspiele bringt gleich 5 Neuheiten auf den Markt. Neben einer Neuaflage von DAS SPIEL, das erst kürzlich aus dem Kosmos-Programm gestrichen wurde, ist für uns Spieler wohl Hansa von Michael Schacht am interessantesten. Es gilt, Märkte zu errichten und Waren zu kaufen und verkaufen, wobei alle Spieler gemeinsam nur ein Schiff zur Verfügung haben und an die Fahrtrichtung der aufgedruckten Pfeile auf dem Spielplan gebunden sind.
Sehr lustig zu werden verspricht auch das Kartenspiel Kai Piranja von Oliver Igelhaupt. Hier kann man verschiedenfarbige Fische angeln, bis ein gefräßiger daher kommt und alle bisher geschnappten frißt. Also dann doch lieber früher mit dem Angeln aufhören und Punkte sichern.
Zwei weitere Kartenspiele erscheinen noch bei Abacus. Fliegen klatschen ist ein Reaktionsspiel und bei Mausen versucht man Elefant, Hund, Katze und Maus nach dem Stein-Schere-Papier Prinzip zu ergattern.

Den Trend erfolgreiche Brettspiel zu Kartenspielen zu verarbeiten gibt es schon länger. Jetzt erscheint auch zu Zatre ein solches, wobei einige neue Elemente und ein etwas veränderter Wertungsmodus zum Tragen kommen.
Außerdem gibt es hier mit Dice Kwan Do ein eher einfachen Würfelkampfspiel in einer etwas überdimensionierten Schachtel.

Ebenfalls ein Trend der vergangenen Jahre: das letztjährige Spiel des Jahres erhält eine Erweiterung. So auch bei Alhambra. Allerdings erhält man mit Die Gunst des Wesirs gleich 4 Erweiterungen auf einmal. Man kann sie einzeln oder gemeinsam in das Grundspiel einbauen. Normalerweise bin ich kein großer Freund von Erweiterungen, aber diese hier scheinen Sinn zu machen.
Das neue Spiel bei Queen heißt Indus und ist von Wolfgang Panning. Zwar geht es mal wieder darum, Mehrheiten auf einem variablen Spielplan zu erspielen, aber die Mischung aus Taktik und Würfelglück hört sich sehr, sehr interessant an und verspricht einer der Highlights des Jahres zu werden.

Bei Winning Moves erscheint nun endlich das im Messebericht zur Spielwiesn angekündigte Coda, allerding jetzt unter dem Namen Der Da Vinci Code. Christians damalige Einschätzung zu dem Spiel kann ich nur teilen. Ein Leckerbissen für Freunde des Deduktionsspiels.
Die zweite Neuheit, Familienbande, von Leo Colovini gab es nur als Handmuster zu sehen. Es geht darum, eine Art Stammbaum zu errichten, bei dem die Kinder identische Merkmale wie dicke Nasen, große Ohren usw. in die nächste Generation mit hinübernehmen.

Ein wünderschön gestaltetes Merkspiel mit doch recht hohem Merkfaktor erscheint bei Zoch: Bei Dicke Luft in der Gruft gilt es dafür zu sorgen, die eigenen Vampire unter die Erde zu bringen. Aber wehe, in dem ausgewählten Grab liegt bereits ein fremder Blutsauger oder gar Knoblauch, dann rückt der Sieg in weite Ferne.

Zum Abschluß nun zum Kosmos Verlag.
Von der Präsentation her hegt man bei Kosmos wohl das meiste Vertrauen in Blue Moon, ein Kartenspiel von Reiner Knizia, das in einem abgeschloßenen runden Raum von einer Art Hohepriester vorgestellt wurde. 2 Spieler kämpfen mit ihren Völkern um 3 Drachen. Nähere Informationen gibt es auf einer eigens eingerichteten Webpage www.blue-moon-games.com.
Bei Dos Rios (Franz-Benno Delonge) gibt es, wie der Titel schon sagt, 2 Flüsse, die es ins Tal zu lenken gilt. Dabei muß man beachten, dass immer eigene Felder mit den angesagtesten Früchten bewässert werden.
Eine neue Reihe in neuem Format (quadratisch, aber ca. nur halb so groß wie die Zweier-Spiele) gibt in Nürnberg ihr Debut: Manga Manga von Peter Neugebauer ist graphisch an die japanischen Comics angelehnt und ist ein Reaktionsspiel, bei dem man so schnell wie möglich die eigenen Karten abschmeißen muß. Dabei gibt die oberste Karte immer die Farbe an, die als nächstes abgelegt werden kann.
Bei OH Pharao werden mal wieder Pyramiden gebaut, diesmal mit Zahlenkarten. Eine Pyramide besteht aus mindestens 2 Reihen, wobei in einer Reihe nur identische Zahlen liegen dürfen. Die Spieler können entscheiden, wann sie ihre Pyramiden werten lassen. Je größer, desto wertvoller sind sie natürlich. Kommt allerdings der Dieb ins Spiel, entfernt der Karten aus den Pyramiden, was oft den Einsturz noch weiterer Karten mit sich bringt.
Ein raffinierter Kampf um ein Königreich verspricht Saga zu werden. Die Spieler versuchen mittels ihrer Karten die Mehrheiten in verschiedenen Ländereien zu erhalten. Will man dem Gegner ein Land abnehmen muß man dessen Verteidigungswert überbieten. Dieser erhält die bereits ausgespielten Karten zurück. Hat man bei Spielende noch Karten auf der Hand, sind dies Minuspunkte.
Mit Piraten Planken & Peseten ist ein richtiger Augenschmaus im Bereich Familienspiele erschienen. Ein dreidimensionales, echtes Papppiratenschiff erhebt sich aus der Schachtel. Darauf zu finden sind für jeden Spieler 4 Piraten in verschiedenen Größen. Mittels Würfel bewegen die sich von Planke zu Planke. Kommt es zu einer Wertung erhalten immer nur der größte oder der kleinste Spieler, die bei einem Schatz zum stehen gekommen sind Punkte. Und wehe auf den Planken wird das Gedrängel zu groß. Dann fallen die vordersten Piraten ins Wasser und nichts wird's mit dem Schatz.

So weit ein grober Überblick über die Messeneuheiten. Ich möchte ausdrücklich betonen, daß dies keine vollständige Übersicht ist. Außerdem habe ich bewertende Äußerungen in der Regel vermieden. In Nürnberg werden die Spiele lediglich vorgestellt und nicht gespielt. Ein Urteil ist deshalb kaum möglich. Aus Erfahrung kann ich auch sagen, daß sehr oft Spiele, die ich stark eingeschätzt habe, später eine echte Enttäuschung waren und gerade die vermeintlich häßlichen Entlein sich als stattlicher schöner Schwan entpuppten. Über das eine oder andere Spiel werdet ihr bereits in Kürze hier in der Spiele-Truhe eine ausführliche Kritik zu lesen bekommen. Bis dann also.
 
 
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